Radltraum Indien

Veröffentlicht auf von Barni J.R.

Liebe Blogleser!
Nachdem wir uns lange nicht mehr gemeldet haben, gibts heute einen Riesenbericht.

Was ist passiert?
Wie ihr bestimmt noch alle wisst, hat uns Buggo verlassen.
Wir haben die tiefe Trauer wahrscheinlich nur durch unsere Lieblingsbeschaeftigung, dem Radln ueberwinden koennen. Voller Tatendrang sind wir also von Varanasi Richtung Orissa (einem Bundesstaat an der Ostkueste Indiens) losgestiefelt.

Von der saftig-gruenen Gangesebene (siehe letzter Artikel) ging es hinauf in eine huegelige Landschaft mit teils dichten gruenen Waeldern, aber auch trockenen Steppen.
Das Radln war wunderbar, da wir immer kleine Strassen fanden, die uns von Zeit zu Zeit in idyllische Doerfchen fuehrten....





Kaum kommt man in ein Dorf, werden alle Bewohner mit der grossen Buschtrommel zusammengetrommelt um uns anzukuendigen....





Sogleich versammeln sich die Bewohner...





...und stellen viele Fragen.

Die besten haben wir fuer euch ausgewaehlt und in Kategorien unterteilt:

Persoenliche Fragen:
- Seid ihr Brueder? (Die Frage finden auch wir sehr berechtigt!)
- Seid ihr verheiratet?
- Habt ihr schon mal Reis gegessen? (Seit Monaten taeglichl!!!!)
- Was verkauft ihr? (...waehrend sie auf unsere grossen Taschen deuten: Auf diesem Bild wuehlen die           Neugierigsten schon mal in den Taschen.)

Technische Fragen:
- Ist das der Anlasser? (....und deuten auf Martins Spiralkabelschloss)
- Ist das die Batterie? (...und deuten auf Barnis Faltschloss)
- Ist das der Tank? (...und deuten auf unsere Alu-Trinkflaschen)

Unsere Lieblingsfragen:
- Kann ich ein Autogramm haben? (Sogar abends um halb Zehn hat ein treuer Fan vom Balkon aus sein Buechlein durch unser Fenster gestreckt.)
- Trainiert ihr fuer die Tour de France?
- Fahrt ihr fuer das Guiness Buch der Rekorde?

Die besondere Frage:
Welcher Kaste gehoert ihr an?

Gestellt wurde uns diese Frage von Opa Acha (im Bild unten), mit dem wir eine Nacht das Zimmer teilen durften. Nachdem alle Hotels in Robertsganj belegt waren, wurden wir in sein Haus eingeladen, um dort die Nacht zu verbringen. Fuer Opa Acha dauert eine Nacht (diese Nacht auch fuer uns) nur bis 4 Uhr morgens. Da steht der lebendige 82jaehrige Mann, der uebrigens Englisch spricht, auf und begruesst die fruehe Stunde mit religioesem Singsang. Das war schoen, doch zu frueh....





Ueberhaupt war die Gastfreundschaft der Inder ueberwaeltigend: Restaurantrechungen wurden bezahlt, ein Hotel liess uns kostenlos uebernachten und bei den Ortseinfahrten zeigten uns eifrige Burschen den Weg zum Hotel und am naechsten Tag wieder raus aus der Stadt,...

Unterwegs wirds auch nie langweilig, da man immer wieder auf Ueberraschungen trifft. Dazu gehoerten z.B. ein Interview mit einer Lokalzeitung, eine Polizeivisite im Hotel um 12 Uhr nachts oder eine Singstunde mit 70 indischen Lehrern (unser Beitrag: "Ueber den Wolken" und "Oh Tannenbaum").
 
Auch technische Raffinessen haben uns begeistert:

Die Wasserschoepfanlage (Mit ihr wird Flusswasser auf die Reisfelder geleitet.)





....und die Seilwickelmaschine (Bestehend aus Bett und Radlfelge).





Was uns in Indien nicht mehr ueberrascht, sind die vielen roten Flecken auf den Strassen, Mauern, Zaehnen und fast ueberall. Es handelt sich dabei nicht um Blut, sondern um eine viel ekelhaftere Sache:

Dem Paan
Paan ist zunaechst einmal eine ganz schlimme Angewohnheit der Inder.
Dabei werden verschieden Zutaten wie Betelnuss, Limone, Tabak, Blumenessenzen, Blattgold oder -silber und ein weisses Pulver namens Catachu in ein Blatt gewickelt und anschliessend in den Mund geschoben (was die Kommunikation oftmals deutlich erschwert).
Nach und nach wird die roetliche Fluessigkeit dann gleichmaessig an die Umgebung abgegeben - Pfuideife!!

Verkauft wird das Paan in winzigen Laeden fuer ca. ein bis drei Rupies (etwa 5 Cent). Geruechten zu Folge soll es allerdings Paan-Wallahs (Paanverkaeufer) geben, die Millionaere geworden sind...





Jeder Paan-Wallah hat sein eigenes Geheimrezept...





Nach dem Paan kauen empfehlen wir: Zaehneputzen





Der putzt wirklich seine Zaehne!
Auf dem Land ist das Zahnholz, dem eine reinigende Wirkung nachgesagt wird, noch weit verbreitet. Einfach vom Baum rupfen, zwei Stunden drauf rumbeissen und ab in die Gruene Tonne. Das ist nachhaltiger Umweltschutz!!!!

Wir kamen dem Meer immer naeher. Es wurde immer heisser, die Temperaturen stiegen von angenehmen 25 Grad auf fast 35 Grad und die Luftfeuchtigkeit nahm deutlich zu.

Nicht nur das Wetter hat sich geaendert, sondern auch die Schrift: Wir erreichten den Kuestenstaat Orissa.
Die Sprache dort heisst Oriya (im Bild links) und unterscheidet sich deutlich vom Hindi (rechts), das uns bisher das Leben schwer machte.


                 


Obwohl Hindi (neben Englisch!) die Amtssprache Indiens ist, wird in vielen Bundesstaaten noch eine eigene Sprache und Schrift verwendet.

Orissa zeigte sich z.B. so...





Nein, das ist nicht die indische Version von Southpark, sondern Lord Jagannath (rechts im Bild) mit seinen Geschwistern Balabhadra (links) und Shubhadra (Mitte). Er hats uns mit seinen grossen, liebevollen Augen angetan, weshalb wir ihn als Schutzpatron fuer unsere Orissa-Fahrt ausgewaehlt haben.

Lord Jagannath ist uebrigens der wichtigste Hindugott in Orissa, man trifft ihn ueberall, z.B. auf Werbeplakaten, LKW-Kuehlern und natuerlich in den zahlreichen Tempeln.
Die grossen und bedeutenden Orissa-Tempel duerfen leider nur Hindus betreten. So wie diese farbenpraechtige Reisegruppe....





Der Hinduismus zeigte sich uns ueberall sehr bunt und vielgestaltig.
Es gibt anscheinend auch Parallelen zum Christentum:





Auch hier werden boese Taten im Jenseits vergolten...






In Orissa leben noch viele Stammesgruppen, die oft auch als Ureinwohner bezeichnet werden. Sie machen mehr als ein Viertel der Bevoelkerung Orissas aus und pflegen haeufig noch ihre eigenen Braeuche. Einen besonders interessanten findet man bei dem Stamm der Santal: Nir Balak Bapla (Hochzeit durch Aufdraengen), bei der eine Frau, die keinen Mann findet, einfach zu einem zieht, der sie heiraten muss, wenn es  ihm und seinen Eltern nicht gelingt, sie innerhalb einer Woche rauszuekeln.
Diesem Braeutigam gelang es anscheinend nicht...





In Puri durften wir eine hinduistische Hochzeit miterleben. Die Zeremonie leitete ein Brahmane (links, der Hindu-Pfarrer) und wurde begleitet von rhythmischer Trommelmusik. Auf uns machte die Hochzeit einen eher ungeordneten Eindruck, aber irgendwie werden die Rituale (Brautpaar mit Wasser uebergiessen, Brahmanengebete, Geldscheine in den Turban stecken, Raeucherwerk anzuenden,...) schon ihren Sinn haben.
Das schoene Brautpaar koennt ihr uebrigens im Fotoalbum bewundern!

Weniger Glueck bei der Brautwahl hatte da ein anderer "Mann":



(gefunden in der Lokalzeitung von Orissa)

Arrangierte Hochzeiten - zwischen Mann und Frau - sind uebrigens in Indien noch weit verbreitet. Oft werden die spaeteren Paare schon in der Kindheit von ihren Eltern bestimmt.


Ein anderes, noch nicht verheiratetes Paerchen :) begleitete uns das letzte Stueck nach Puri. Die beiden Schwaben Angelika und Thomas engagieren sich in Orissa seit Jahren fuer benachteiligte Kinder und Jugendliche. Zwei davon (leider nicht im Bild) nahmen sie mit auf eine mehrtaegige Radltour.





Die indischen Jungs waren ganz heiss auf unsere "gear cycles" (Schaltungsfahrrad) und verdraengten uns von unserem gewohnten Sitzplatz. Doch wir nahmen's mit Humor...





.... und radelten uebergluecklich in Puri ein. Endlich Meer! Noch etwas unbeholfen, aber waghalsig stuerzten wir uns in die Wellen...





Allein mit Muskelkraft, d.h. ohne fremde Verkehrsmittel, bewaeltigten wir also die Strecke von den Bergen Tibets bis hinunter zur Ostkueste Indiens (Applaus bitte fuer die 2700 km!).

Kommentar Martin:
Ich habe noch nicht genug von Indien und auch nicht vom Radln (Wie koennts auch anders sein!). In den naechsten Tagen starte ich mit dem Zug nach Suedindien, wo ich Nichole aus England treffe, die auch im Radlfieber ist. Geplant sind zwei oder drei Wochen im Bundesstaat Kerala.
Bleibt dran ich werde weiter berichten!

Kommentar Barni:
Fuer mich ist es an der Zeit, das Radl in die Garage zu schieben. Aber sicher nicht fuer immer, denn das Prinzip Radlreise hat mich voll ueberzeugt. Ist einfach eine ganz andere Art, ein Land kennenzulernen. Die Moeglichkeit, ueberall stehen zu bleiben, wo man will, die kleinen Doerfer und Strassen, die Begegnungen mit den Menschen, die witzigen Geschichten und Anekdoten, die sich dadurch ergeben usw. - sie werden laenger im Gedaechtnis bleiben als Sehenswuerdigkeiten. Natuerlich ist's nicht immer genial, bei Regen, Gegenwind, Hinternschmerzen, hupenden LKWs etc. fragt man sich schon hin und wieder, was man hier eigentlich tut. Trotzdem macht's suechtig -  freu mich also schon auf die naechste Radltour, auch wenn's "nur" auf d'Stoisseralm oder um den Chiemsee geht :).
 
Hier meine kleine Radlstatistik:
Gefahrene Kilometer: 5555 (leicht abgerundet)
Radltage: ca. 65
Gesamtzeit aufm Radl: ca. 310 Stunden
Laengste Tagesetappe: 157 km (Indien)
Laengste Tagesfahrtzeit: 8:40 Std.
Platten: 0 (Lob an dieser Stelle fuer die Firma Schwalbe)
Reparaturen: 1 Speiche wechseln
                         1 Achter rausbiegen (dank Horrorverkehr in Kathmandu)

Radlreise aus heisst allerdings noch nicht heimfahren, Ende Februar geht's weiter nach Indonesien, durch das ich mit der Lena fuer 6 Wochen mit Rucksack reise. Am 11. April bin ich wieder daheim, Freiwillige fuer einen Ratsch bei einem Glas bayrischen Bier (hier in Indien absolute Enthaltsamkeit, deshalb nur ein Glas!) sind willkommen! 
Danke fuer's Mitverfolgen, bis zum naechsten Mal!

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Wir sind bis auf weiteres gespannt, was unser Backpacker Buggo von den Andamanen zu berichten hat. Vielleicht benoetigt er noch die eine oder andere Motivationsmail von euch!

Schaut doch auch wieder im Fotoalbum ("Indien-Radltraum") vorbei! Ein paar Bilder haben dieses Mal Angelika und Thomas beigesteuert. Danke dafuer!

Euch viel Spass im Fasching, wir gehen dieses Jahr auf alle Faelle als Lord Jagannath!

Liebe Gruesse,

Martin und Barni


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Campingfreund 03/04/2009 19:58

Hallo Jungs

Jetzt seid ihr in alle Winde verstreut und ich hab's vermasselt. Ich wollte euch schon vor 4 Wochen schreiben, dass ich auf alle Geschenke verzichte, aber dafür auch so ein Foto (mit Unterschriften von allen) haben will, wie Drahtesel es bekommen hat.

Abgesehen von dem ideellen Wert, kann das mal sagenhaft wertvoll werden. Jetzt muß ich halt warten, bis ihr im Sommer alle wieder im Lande seid. Das Bild von euch hätte ich gerne in Postergröße (30x40)

Jedenfalls kann Martin unbesorgt meine mir zugedachten Geschenke in Indien gegen Lebensmittel tauschen. Bei geschicktem Feilschen ist vielleicht sogar eine ganze Kuh drin. Dann hätte er jeden Tag frische Milch und auch ein wenig Ansprache,wo er jetzt alleine unterwegs ist.

Passt weiter auf euch auf.

Campingfreund

buggo 03/03/2009 11:55

hallo jungs, super bericht von euch, leider stehe ich jetzt um so mehr unter druck, aber irgendwas wird mir schon einfallen.
bin gerade nach port blair zurueckgekehrt von den inseln, morgen gehts dann wieder zurueck zum festland, dann mache ich mich mal schoen langsam an die arbeit.
Andaman war erwartungsgemaess wunderschoen, aber das wird ihr ja sehn.

adios

Martin 02/27/2009 07:30

So ein bisserl Kultur:
Wer sich fuer Hintergruende bzw. Abgruende der indischen Gesellschaft interessiert dem empfehle ich den Kinofilm "Slumdog Millionaire".
Es ist ein modernes Maerchen - kein Bollywoodkitsch - das in Indien heftig umstritten ist und fanatische Hindus auf die Barrikaden treibt, siehe:
http://www.taz.de/1/leben/film/artikel/1/aschenputtel-story/
In Deutschland ist Kinostart uebrigens am 19.03.

ashim 02/24/2009 22:14

hi martin how you doing ???
just in case if you don't remember me i was one of the guy you met in bangalore & also had lunch together on 24/2/09.
i hope it wasn't difficult for you to find your hotel on OTC road near the railway station
how long will stay in bangalore???
i just went through your blog and trust me martin i envy you from the bottom of my heart because i always wanted to do what you & your friends are doing right now(travelling the world on a bike).its difficult for me to understand most of the notes in your blog as it is german but i do try to make out from the pics.i have informed all my friends about your tour.where is your next stop???

please do write to me on ashim.keepsmiling82@gmail.com about your experiences.i wish someday i can do what you guys are doing

all the best to you & your friends for your journeys
take care
cheers

Helmar 02/22/2009 15:28

Servus beinand!
Endlich mal Radl-Statistiken - super!
Gratuliere zur vollbrachten Leistung!

Euch allen noch eine schöne restliche Zeit :)